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Die Geschichte des DNS

Domains

Die Geburt der ersten Top-Level-Domains

Im Anfang schuf eine Gruppe von Wissenschaftlern das ARPANET. Das ARPANET aber wurde wüst und wirr, Finsternis lag über der Host Table. Jon Postel und Zaw-Sing Su grübelten über der RFC 819. 30 Monate später erblickte die erste Schöpfung[1] am 15. März 1985 das Licht der Welt:

symbolics.com

Das US-amerikanische Unternehmen Symbolics, Inc. registrierte die erste Domain im neu geschaffenen Domain-Name-System (DNS). Bis dahin wurde das Internet hauptsächlich von Universitäten und Computerwissenschaftlern genutzt. Das DNS, so wie wir es heute kennen, gab es damals nicht. Trotzdem waren E-Mail Dienste zu dieser Zeit bereits populär und eine zentrale Nutzungsart des Netzes. Damit die Nachrichten ihr Ziel in diesem Netzwerk finden konnten, gab es eine zentrale Datei, die “hosts.txt” oder “host table”, in der alle Computer und deren Adressen gespeichert waren. Mit der Zeit wurde es immer aufwendiger, diese zentrale Datei zu ergänzen, zu verteilen und zu aktualisieren. Immer mehr Personen und Institutionen nutzten das Netzwerk für ihre Kommunikation und es war absehbar, dass die vorhandenen Lösungen nicht mehr skalierten. Einer Gruppe von Wissenschaftlern um Jon Postel von USC Information Sciences Institute (ISI) ist zu verdanken, Licht in die drohende Dunkelheit der digitalen Anarchie gebracht zu haben: Die Schöpfung des DNS brachte Ordnung und vor allem Stabilität.

In mehreren Requests For Comments[2] (RFCs) formulierten Postel und seine Kollegen die ersten DNS Grundlagen. RFCs dienten als Diskussionspapier[3] für technische und organisatorische Überlegungen. Das Ergebnis ist in in der RFC 920 (“Domain Requirements”) aus dem Oktober 1994 zu finden. Hier sind die Grundlagen für die ersten generischen Top-Level-Domains festgelegt.

Die Domain-Endungen waren höchst umstritten

In seinem ersten Entwurf schlug Postel damals die Endungen .arpa, .ddn, .gov, .edu, .cor und .pub vor. Die Auswahl der Endungen war damals hoch umstritten und der Entwurf wurde von vielen Seiten kritisiert. Craig Partridge, damals für Raytheon BBN Technologies tätig, erinnert sich daran, das .cor (corporation) zwar im Gespräch war, schlussendlich die Wahl aber auf .com fiel. Auch geografische Gebiete sollten bei der Auswahl möglicher Domain-Endungen berücksichtigt werden. Britische Wissenschaftler forderten beispielsweise eine .gb oder .uk TLD und entschieden sich für .uk. Postel hatte kein Interesse daran, sich in Grabenkämpfen bei der Auswahl und Bezeichnung von TLDs zu verlieren. Ihm lag das Design und die technische Umsetzung eines Domain-Name-Systems am Herzen. Mit der ISO–3166 Liste konnte Postel das Mienenfeld für die Auswahl von Länderkürzeln elegant umschiffen. Diese Liste weist Ländern und Territorien einen zweistelligen Code zu.

Das Ergebnis der Diskussion waren die Endungen .gov, .edu, .com, .mil, .org. Zunächst sollten alle Second-Level-Domains zeitlich befristet mit der Domain-Endung .arpa versehen werden, um einen Übergang zu den übrigen Domain-Endungen zu gewährleisten. Die zweistelligen Länderdomains der ISO–3166 Liste wurden ebenfalls in die RFC 920 übernommen. In die Kategorie Überflüssiges und gerade deshalb nützliches Nerd-Wissen fällt die Nebensächlichkeit, dass die ISO-Liste Grossbritannien die Endung .gb zuweist, Postel aber bereits .uk übernommen hatte und es bei der Endung blieb.

Wofür steht die Endung .com?

Während sich die Bedeutung der meisten Endungen gut herleiten lässt, ranken sich um die Entstehung und Bedeutung der Endung .com mehrere Geschichten. In der RFC 920 wird die Endung .com folgendermaßen definiert:

COM = Commercial, any commercial related domains meeting the second level requirements.

Die TLD und Abkürzung .com muss jedoch nicht zwingend aus dem Begriff commercial abgeleitet werden. Daneben gibt es Stimmen, die die Endung .com als eine Abkürzung für company in Erinnerung haben. Einen aufschlussreichen Einblick gibt Jack Haverty, ein damaliger Internet-Pionier beim MIT. In einer E-Mail aus dem Jahre 2010, antwortete er auf die Frage, wie die TLD .com entstanden sei.

I think .com originally was derived from “company” rather than “commercial”. The .com’s weren’t thought of as “businesses” in the sense of places that consumers go to buy things. They were companies doing government contract work. The Internet was not chartered to interconnect businesses – it was a military command-and-control prototype network, being built by educational, governmental, and contractors. If anybody had suggested that businesses were to be included, it would have raised flotillas of red flags in the administrative ranks of government and PTTs. Hence .com – not .biz.

In Haverty’s Erinnerung war es Jon Postel, der die TLD-Liste zusammentrug. Auf die Frage, warum Postels TLD-Liste übernommen wurde, antwortet Haverty:

As to why that initial list was chosen, my recollection is that it simply reflected the demographics of the emerging “Internet community” at the time. There were lots of governmental entities and lots of schools. The “rest of world” were commercial, or companies.

Damals waren sich die Beteiligten nicht bewusst darüber, dass sie die Struktur schaffen würden, unter die einmal mehrere hundert Million Domains ihren Platz finden würden.

IIRC, there weren’t any major debates or counterproposals or such about TLDs. The TLD list just wasn’t that big a deal (at the time). The Internet was an experiment which, like all experiments, was supposed to end. CCITT, ISO, and such organizations were inventing the official technologies for the future of data communications. We know now how that turned out Whatever TLD list and such was used in the Internet wasn’t supposed to last long. So a specific logistical decision like the TLD list wasn’t all that important – at the time.

Das die TLD-Struktur nicht in Stein gemeißelt war, lässt sich bereits in Postels Überlegungen in der RFC 1591 aus dem Jahr 1994 finden:

COM – This domain has grown very large and there is concern about the administrative load and system performance if the current growth pattern is continued. Consideration is being taken to subdivide the COM domain and only allow future commercial registrations in the subdomains.

Aufgrund der hohen Registrierungszahlen sollte die Endung .com in weitere Third-Level-Domains, auch Subdomains genannt, aufgespalten werden. Damals waren unter der Domain-Endung .com gerade mal 13.000 (!) Domains registriert. Heute sind es über 112.000.000. Nicht nur die Anzahl der Second-Level-Domains war damals nicht vorhersehbar. Postel hielt die Entstehung neuer Top-Level-Domains für extrem unwahrscheinlich.[4] Schließlich ließen sich alle denkbaren Nutzungsarten den 5 Domain-Endungen zuordnen.

Der Namensraumsraum wird aufgespalten

Ursprünglich war immer eine Expansion in die Vertikale geplant, also nach dem Schema xyz.name.organisation.com. Viele Universitäten folgen noch heute diesem Schema. Auch Länder-Endungen wie .uk (nominet) folgten dieser Unterteilung mit .ac.uk für academic, .org.uk für non-profit, .gov.uk für government und vielen weiteren vorgegebenen Second-Level-Domains. Der Trend geht jedoch in eine andere Richtung: Weg von der Third- oder Fourth-Level-Domain, hin zur Second-Level-Domain. Eine direkte Registrierung unter .uk soll es bald geben. Anstatt einer vertikalen Unterteilung zu folgen, kommt es zu einer lateralen Aufspaltung. Nicht nur auf der Ebene der Second-Level-Domains, sondern auch auf Ebene der Top-Level-Domains: Hunderte Domain-Endungen wie .info, .biz und zukünftig noch .shop, .web oder .xyz werden gerade eingeführt.

Veränderungen rufen immer auch Kritik hervor. Die heute geführte Diskussion, dass eine laterale Kategorisierung des Internets und Expansion auf TLD-Ebene nur zur Verwirrung der Nutzer führt, gab es bereits damals. So sei unklar, ob das Stanford Research Institute nun unter sri.edu, sri.cor oder sri.org zu finden sein würde. Heute dreht sich die Kritiker-Diskussion darum, ob ein Unternehmen unter .de, .com, .gmbh oder .berlin zu finden sein wird.

Die Übergangszeit ist immer von Verwirrung überschattet

Postel entgegnete damals den Kritikern seines Benennungssystems, dass ein Domain-Name-System (DNS) kein intuitives Verzeichnis sein solle. Vielmehr sei es ein Namens-System, dessen (Domain)-Namen weder eindeutig zu erraten noch intuitiv sein müssen. Postel hatte mit diesem Blickwinkel vornehmlich eine technische Lösung für die Adressierung im Auge. Semantische Fragen interessierten ihn nur am Rande.

Internet-User haben ein anderes Augenmerk: Die Aufladung der Endung mit einer Bedeutung scheint vielen User als natürliche Merk- und Erklärungshilfe zu dienen. Etwas, dass über die reine Adressierungsfunktion hinaus geht. Es bleibt also spannend, wie die Expansion der neuen Top-Level-Domains angenommen wird.

  1. Nur die Domain nordu.net wurde schon davor eingetragen, um als Adresse für den ersten Root-Server zu dienen.  ↩
  2. Die ersten Organisationsvorstellungen zu Domain-Endungen finden sich in der RFC 819 und RFC 881.  ↩
  3. Erst später entwickelten sich RFCs zur Definition von Standards.  ↩
  4. J. Postel in RFC 1591, Domain Name System Structure and Delegation, S.1, Nr.2  ↩
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