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NEUE DOMAIN-ENDUNGEN

Domains

Brauchen wir neue Domainendungen?

Mal ehrlich: Brauchen wir wirklich neue Domainendungen? Reichen nicht die bestehenden 22 generischen Domainendungen (gTLDs) und über 250 Länderendungen (ccTLDs) aus, von denen ohnehin schon viele nur mit wenigen Registrierungen dahin dümpeln? Schaffen die neuen Domainendungen letztendlich nur Verwirrung ohne Mehrwert?

Die folgende new gTLD Dystopie illustriert diese Fragen sehr anschaulich; man braucht dazu nicht das ganze Video zu sehen.

Das Video schließt mit dem Vorwurf:

One thing is for sure: We consumers will.pay dearly for each dot domain that tempts.us, misleads.us, distracts.us and, ultimately that angers.us by failing to serve the public interest. ICANN has really cast.a.cloud over the Internet.

Warum also beschert ICANN uns diese Vielzahl an TLDs? Ist das wirklich im Interesse der Netzgemeinde? Seit ICANN 2000 erstmals mit der Einführung von TLDs begonnen hat, streitet man darüber, ob das notwendig ist. ICANN’s schlichte Antwort ist der Verweis auf Wettbewerb und Innovation. Beides soll gemäß Ihrer Satzung gefördert und weiterentwickelt werden. Dieser Entwicklungsbedarf besteht tatsächlich. Mit über 100 Mio. .com Domains wird der Adressraum in der erfolgreichsten und beliebtesten Top-Level-Domain eng.

Im Domainmonopoly gibt es auf der Schlossallee nur noch Platz, wenn sich der Eigentümer mit einer Immobilien auf einem entfernten Hinterhof begnügt. Nicht jeder kann sich eine Top-Lage leisten. Das ist bei Domains nicht anders als bei Immobilien. Eine .com Domain kostet bei Domainmaklern etwa 10 mal soviel wie eine .net oder .org und je kürzer die Domain ist, desto teurer wird sie. US Unternehmen setzen fast ausschließlich auf .com, nur wenige Start-ups wagen es tatsächlich unter Endungen wie .me, .am oder .ly aufzutreten. Jedenfalls so lange, bis sie gekauft werden und die Mittel haben, ihren Unternehmensnamen als .com zu kaufen (siehe z. B. Del.icio.us und delicious.com).

Versuche neuer TLD Registries, das .com Monopol von Verisign zu brechen sind nach den letzen ICANN Einführungsrunden im Jahre 2000 und 2004 gescheitert. Die damals eingeführten TLDs sind meilenweit vom Registrierungserfolg einer .com entfernt. Die Alternative zu .com stellen bisher die nationalen Domainendungen (ccTLDs) dar. Immer häufiger sind sie sogar beliebter als .com.

Sollten wir es deswegen bei den Versuchen aus den Jahren 2000 & 2004 belassen, weitere Domainendungen zu etablieren? Nein! Die Umstände dieser Einführungsrunde sind grundlegend anders:

  1. Die Anzahl der möglichen neuen TLDs war unbegrenzt.
  2. Unternehmen konnten erstmals eine eigene TLD beantragen.

Während in den Einführungsrunden 2000 & 2004 7 TLDs pro Runde eingeführt wurden, kommen jetzt voraussichtlich mehrere Hundert. Ein Drittel der Bewerbungen stammt von Unternehmen, die sich eine geschlossene Unternehmensendungen wünschen, so genannte .brands, wie .nike. Andere konzentrieren sich auf geografische Regionen, wie .berlin. Eine weitere Gruppe bewirbt sich um generische Bezeichnungen wie .hotel, .web und .shop, die großen Benutzergruppen offen stehen sollen. Im Gegensatz zu den geschlossenen Unternehmens-TLDs wie .bmw wird die Konkurrenz unter den offene TLDs enorm sein. Um zu überleben können Registries nicht einfach das Konzept von .com kopieren, sie müssen besser sein. Die Kombination von vielen TLDs und hohem Wettbewerbsdruck wird dazu führen, dass sich einige TLDs für eine langfristige Strategie entscheiden, deren Erfolg nicht allein an Registrierungszahlen gemessen wird. Dies könnte beipielsweise bei .secure oder .bank der Fall sein.

New gTLDs könnten damit nach langer Zeit sogar den ursprünglichen Gedanken hinter den Domainendungen, also .com für Commerce und .org für Organisationen, wiederbeleben. TLDs können dann eine Aussage über Inhalte geben, die unter der TLD zu finden sind. Neue Domainendungen erhöhen sozusagen den Wortschatz, mit dem wir Informationen auffindbar machen. Je besser eine Domain ein Thema umschreibt, desto besser kann man es sich merken. Nicht jeder wird bei google unter den ersten 5 Ergebnissen erscheinen und um auffindbar zu sein, kann man sich nicht nur auf Suchmaschinen verlassen.

Eine new gTLD muss Vertrauen schaffen um zu funktionieren. Dieses Vertrauen aufzubauen braucht Zeit. Nutzer klammern sich an Vertrautes und lehnen Veränderungen ab. Sie kennen .com, .de und ein paar weitere TLDs und tippen noch immer brav das www vor Domains und sogar Subdomains (www.sport.zdf.de) ein. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Das sich die Nutzungsgewohnheiten dennoch langsam ändern und Wettbewerb wünschenswert ist, zeigt ein Blick die Vergangenheit. Vor 15 Jahres bot ein bekanntes IT Unternehmen Domainpakete (Domain + Webspace) an. Für DM 39,00 pro Monat und DM 150 einmalig gab es allerdings noch nicht einmal eine Subdomain sondern eine URL nach folgendem Schema:

http://info.DomainAnbieter.de/IhrFirmenname

Ab DM 69,00 pro Monat (!) gab es dann bereits eine eigene Domain (www.IhrFirmenname.de). Damals gab es gerade mal 200.000 .de Domains. Viele Unternehmen hatten also keine eigene Domain und nutzten noch E-Mail Adressen, die mit @compuserve.com oder @t-online.de endeten. Heute hat fast jedes Unternehmen mindestens eine Domain und verwendet diese auch in der E-Mail Adresse. Der Trend ist klar: Domainbestandteile, die keine sinnvolle Aussage treffen, werden sukzessive eliminiert. Der User muss sich nur noch sinnvolle und kennzeichnende Merkmale merken:

  1. Ausgangslage: http://info.Anbieter.de/IhrFirmenname/produkt“
  2. Erster Schritt: http://www.IhrFirmenname.de/produkt
  3. Zweiter Schritt: Produkt.IhrFirmenname

TLDs werden einen ähnlichen Weg beschreiten, so wie dies bei Domains zu beobachten war. Während früher Domains teuer und exklusiv waren, ist es heute die eigene TLD. Mit der Zeit wird sie günstiger werden und sich immer weiter verbreiten. Nicht jedes Unternehmen wird eine eigene TLD beantragen. Der Wettbewerb wird aber eine Preisanpassung bewirken und sie für einen größeren Kreis erschwinglich machen.

Aber eine unreflektierte Forderung nach mehr Wettbewerb und Wahlfreiheit ist hier fehl am Platz. Wahlfreiheit bringt nicht nur Vorteile mit sich. Sie ruft häufig eine Unzufriedenheit hervor, die aus den notwendigen Entscheidungsprozessen resultiert. Je mehr Optionen existieren, desto leichter wird es, die eigene Entscheidung zu bereuen. Denn wenn es keine Wahl gibt, können wir den Hersteller des Produkts oder der Dienstleistung für die mangelnde Qualität oder enttäuschten Erwartungen verantwortlich machen. Besteht allerdings eine Auswahl, macht sich der Mensch für die falsche Wahl selbst verantwortlich und nicht das Produkt. Denn bei all den Optionen hätte es doch sicherlich eine bessere Wahl gegeben. Mit einer Wahl verzichtet man auch auf bestimmte Eigenschaften. Die eierlegende Wollmilchsau gibt es ja bekanntlich nicht. Eine Auswahl führt dem Nutzer also auch genau die Eigenschaften vor Augen, die seine Auswahl gerade nicht hat. Diese beiden Faktoren führen dazu, dass es Menschen schwierig finden, sich bei zu vielen Optionen zu entscheiden. Das Dilemma beschreibt Barry Schwartz sehr anschaulich in „The Paradox of Choice“.

Auf TLDs angewendet bedeutet dies, dass sich ein Registrant, der sich für eine Domain mit einer neuen Domainendung entscheidet, eher selbst die Schuld gibt, als der Registry. Er hätte ja auch eine andere, erfolgreichere bzw. bewährte TLD wählen können.

Fazit

Genau dieses Dilemma widerfährt vielen bei den neuen Domainendungen und wirft die Frage auf, ob wir die neuen Domainendungen tatsächlich brauchen. Das Entscheidungsdilemma, sich zwischen unterschiedlichen TLDs entscheiden zu müssen, wird uns von ICANN vorgesetzt. Es sind nicht wenige neue TLDs, sondern Hunderte gleichzeitig. Früher hatten wir eine beschränkte Auswahl, die Entscheidungen waren einfach. Jetzt, mit all den bevorstehenden Domainendungen müssen wir uns überlegen, wo wir präsent sein wollen. Das bereitet uns Unbehagen. Wir bezahlen den Preis des Wettbewerbs und der Wahlfreiheit.

Übrigens: „The Paradox of Choice“ von Barry Schwartz gibt es als Buch mit dem Deutschen Titel: Anleitung zur Unzufriedenheit. Das Englische Original gibt es als TED Video, ohne den Video-Stream als MP3, in voller Länge als Buch (Hardcover und Paperback), ebook und als ungekürzte Audio Edition. Sie haben die Wahl.

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